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Cosmic Debris
18.11. bis 03.12.2023
Sven Reile

 

 

Eröffnung:  Freitag, 17.11.2023 um 18 Uhr

 

 


© Sven Reile                                                                       "Helle Freude", Öl auf Leinwand, 200 x 180 cm

 

 

Phobos- oder im Teleskop erscheint die Trainingsjacke


In den dunklen Weiten, die der schwarze Grund der Bilder öffnet, stehen die Monde und Planeten: Zerfurcht und zerkratert, fein konturiert und erhaben, erstrahlen sie im leeren Raum: Objekte romantischer Anschauung und der Sehnsucht nach Ewigkeit. Diese Relikte aus der Entstehungsphase unseres Sonnensystems schält der Berliner Maler Sven Reile in seinen Ölbildern aus der Leinwand. Er variiert die ursprünglich hochästhetischen und statischen Oberflächen zu einem grotesken Vexierspiel menschlicher Wahrnehmung.

 

Sein optisches Leitmotiv greift den griechischen Mythos von Phobos, einem der beiden Mars-Monde, auf, der mit seinem Brudermond Deimos den Planeten umkreist: Phobos (gr. Angst) als Begleiter des Mars, Hoffnungsträger menschlicher All-Phantasie und Gott des Krieges, wird in Reiles surrealen Portraits zur mythischen Projektionsfläche für Wünsche, Träume und Möglichkeiten: Ob bei der „Jagd“ die kalte Kraterwand zum angriffslustigen Krieger-Gesicht mutiert, die „Evolution“ einen elektrisierenden, mehräugigen Blick auf die träge Masse wirft oder ein durchlöcherter Beziehungspartner naiv und einäugig „Ach, wir kriegen das schon hin Schatz” fleht, immer wird das Universum auf etwas ganz Alltägliches heruntergebrochen und man selbst unweigerlich in dieses offene Spiel der beiden Vorstellungswelten hineingezogen. Reile treibt diese Ambivalenz auf die Spitze, wenn er wie im „Starken Raucher“ die plötzlich verbraucht scheinende Oberfläche des Mondes mit dem Zerfall durch menschliches Laster assoziiert oder in „Entropie“ einen pubertierenden Mond in wuchernder Begierde nach Verwandlung zeigt.

 

Das Prinzip der Verfremdung wird derart auf den Kopf gestellt, dass anstatt wirklich Menschliches zu verzerren oder zu stauchen und so Erkenntnis-Distanz zu schaffen, Typen, Klischees und Begriffe als Verformung des eigentlich Unveränderlichen in Szene gesetzt werden: Mal wuchern Organe oder sprechblasenähnliche Flora aus den Kratern, weiten sich Öffnungen zu Mündern oder werden von Glupschaugen okkupiert, mal ergänzen typische Accessoires wie Kragen oder Jacken die mäandernden Gesteinsformationen, von farbgewaltigen Materieströmen umnebelt, freigesetzte Energie im Urzustand, unkontrolliert, perplex und fremd. Reile produziert mit diesem Bilderspektrum jedoch ein ebenso komisches wie unheimliches Paralleluniversum, das jenseits jeder allegorischen Bedeutung Traum, Angst, Lust und Schrecken in gleichem Maße provoziert, indem es die humanen Verzerrungen von Vornherein unwahrscheinlich erscheinen lässt: Das Selbstbild des Menschen als phantastische Infektion, als Virus der unschuldigen Natur kratzt hier förmlich an der Eitelkeit der Spezies, zu der nicht zuletzt der Künstler als Gestalter selbst zählt. Subtile Selbstentlarvung oder absurdes Joggen auf einer Art Möbius-Schleife? Die Antwort: Das Reile’sche Universum expandiert ständig und verschiebt die sichere Grenze des Sicht- und Wahrnehmbaren immer weiter ins verstörte Innere des Betrachters, der sich letztlich selbst beobachtet sieht: Der „U8“-Fahrgast, unverkennbar in zweistreifiger Trainingsjacke, wird so zum Klischee jenseits jeder zeitgemäßen Bewertung, gesellschaftsferne Ironie auf Kosten wehrloser Trabanten...

 

Das visuelle Erlebnis des sich dem leblosen Objekt annähernden Blicks, der in den schwarzen Bildern angelegt ist, mündet in Kombination mit den zum Teil fast kitschig komponierten Farberuptionen, quasi evolutionäre Effekte, in eine intensiv subjektive Erfahrung. Vergleichbar mit den Ansätzen von Francis Bacon oder Max Ernst wird hier dem Bewusstsein die Möglichkeit der sprachlichen Verarbeitung von Wirklichkeit abgesprochen und nicht nur die ästhetische Ebene erinnert an Kubricks 2001, es ist der strategische Kern von Reiles Bildern, einen (Selbst-) Wahrnehmungsprozess anzustoßen, der den Weg des emotional-philosophischen Inhalts wählt, um direkt zum Unterbewusstsein vorzudringen. Insofern verhalten sich seine Bilder klassisch surrealistisch: Kunst als “vielleicht die sichtbarste Wiederkehr des unterdrückten Bewusstseins" (Freud). Sven Reile entfaltet durch die Vermenschlichung eigentlich lebloser Natur eine betörend widersprüchliche Ästhetik. Den grotesken Szenarien flößt sie eine bedrohliche Ernsthaftigkeit ein, die sich wohl am besten durch ein genussvolles, kosmisches Lachen kompensieren lässt.

Andreas Engler

 

 

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Phobos - or in the telescope appears the training jacket

 

In the dark expanses of the black ground of the pictures are the moons and planets: Rutted and rugged, finely contoured and elevated, they shine in the empty space: objects of romantic conception and aspiration for eternity. In his oil paintings, Berlin artist Sven Reile peels off the canvas these relics of our Solar System’s development phase. He produces variations of their originally highly aesthetic and static surfaces into a grotesque picture puzzle of human perception.

 

His visual leitmotif picks up the Greek myth of Phobos, one of the two Martian moons which orbits the planet together with its sister moon Deimos. Phobos (Greek for anxiety) being a companion of Mars (the source of hope for all-human fantasy and God of War), becomes in Reile’s surreal portraits, a mythical projection of wishes, dreams and possibilities. Whether in the "Jagd" (Hunt), where the cold crater wall mutates into an aggressive warrior-face; or in the "Evolution", throwing an electrifying, multi-eyed look at the inert mass or a naive and one-eyed perforated companion who pleads: "Ach, wir kriegen das schon hin Schatz" (Ah, we'll manage darling). The universe is always broken down into something quotidian and one is inevitably drawn into an open view of two imagined worlds. Reile drives this ambivalence to new heights when he suddenly associates the consumed shining surface of the moon, as in "Starker Raucher" (Strong Smoker), with decay through human vice, or in "Entropie" (Entropy), which shows an adolescent Moon in rampant desire for transformation.

 

The principle of alienation becomes so inverted that instead of actually deforming or compressing the human (and therefore creating distance perception); it sets characters, stereotypes and terms in the scene as the deformation of the truly immutable.

 

At times, organs or balloons grow exuberantly like flora out of wide craters, opening like mouths to be occupied by popping-out eyes. And occasionally the meandering rock formations are supplemented by typical clothing accessories such as shirt collars or jackets, clouded by a stream of matter, powerful in colour as released energy in its primitive state, uncontrolled, perplexed and odd. Reile produces a parallel universe just as dark and scary, which provokes beyond any allegorical meaning, dream, fear, desire and horror in equal measure by making human distortion appear unlikely from the outset. The self-image of humans as a fantastical infection, as a virus of the innocent nature formally scratches here the vanity of the species, amongst it not least the artist, one of the creators himself.

 

Subtle self-exposure or jogging on a sort of absurd Möbius band? The answer: Reile’s universe is expanding, constantly shifting the safe limit of vision and perception, disturbingly falling further and further inside of the viewer, who eventually sees himself observed. The “U8” – passenger, unmistakably wearing a two-stripe training jacket, is becoming a stereotype beyond any contemporary assessment, socio-distant irony at the expense of defenseless satellites …

 

The visual experience of the approaching view of the inanimate object, laid out in the black paintings, in combination with the sometimes almost kitschy colour eruptions, (quasi evolutionary effects) leads to an intensely subjective experience.

 

Similar to the approaches of Francis Bacon and Max Ernst, here is the consciousness of the possibility of linguistic processing by reality denied. Not merely the aesthetic level of the paintings calls to mind Kubrick's 2001: A Space Odyssey, but the ability of the strategic core of Reile’s images to launch a (self-) perception process, choosing the path of the emotional and philosophical content to get directly through to the subconscious.

 

In this respect, his paintings classically behave surreally. Art as "perhaps the most visible return of the repressed consciousness" (Freud). Sven Reile is unfolding beguilingly contradictory aesthetic through the humanisation of inanimate nature. It instills into the grotesque scenarios a threatening seriousness, which can be best compensated for by an enjoyable cosmic laugh.

Andreas Engler

 

 

Sven Reile