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Im Rahmen der Projektidee "REAL":

 

 

Painting Sculptures
13.11. bis 28.11.2021
Lukas Pusch

 

 

Eröffnung: Freitag, 12.11.2021 ab 18 Uhr

 

 

© Pusch / Schmidt / Atelier Avramidis

 

 

Ich war auf der Suche nach einem neuen Arbeitsraum, als ich die Malerin Julia Avramidis diesen Sommer in den Bildhauerateliers ihrer verstorbenen Eltern Annemarie und Joannis Avramidis im Wiener Prater besuchte. 
Sonst nichts.
Die Ateliers waren noch im Originalzustand. So, als hätte Julias Vater gestern noch gearbeitet. Ein produktives Chaos. Jeder Winkel war mit halbfertigen Gussformen, behauenen Steinen, Skizzen, fertigen Skulpturen und Bildhauerwerkzeug zugestellt.
Avramidis war für mich bis dahin nur ein griechisch klingender Name.
Ein Name, den ich aus dem Kunstkontext kannte wie andere Namen, von anderen Künstlern, deren Werke ich bisher lediglich oberflächlich gekannt hatte.

 

Dem ersten Besuch im Prater folgten viele.

 

Durch zahlreiche Gespräche mit Julia, ihre Erzählungen über ihren Vater und die dramatische Familiengeschichte, eröffnete sich mir langsam ein neuer Kosmos, der durch die Atmosphäre des Ateliers noch verstärkt wurde.
Ein Kosmos, der mir aber vertraut vorkam. Vertraut, weil ich ihn gut kannte. Ich kannte ihn aus einem völlig anderen und unerwarteten Zusammenhang – dem radikalen russischen Aktionismus der 1990er Jahre und meinem Kunststudium in Moskau.

 

Joannis Avramidis war, was in der Rezeption seiner Werke bis heute völlig übersehen wird, nicht nur ein Kind pontischer Griechen, sondern auch der Sowjetunion. Er wurde dort 1922, im Jahr ihrer Gründung, geboren. Er verbrachte seine gesamte Kindheit und frühe Jugend in der Sowjetrepublik Georgien und begann auch in Batumi mit seinem Malereistudium. Die wenigen erhaltenen Werke aus dieser Zeit befinden sich heute im Nationalmuseum in Athen. 

 

Die Kunstausbildung in der Sowjetunion war auf die Gründung einer neuen Klassik, einen neuen hohen Stil, ausgerichtet. Ein Motiv, das sich auch durch das gesamte Werk von Joannis Avramidis zieht. Sein Bezug auf die griechische Antike und die Renaissance sind daher nicht nur der Verweis eines Entwurzelten auf seine eigene griechisch-pontische Herkunft, sondern auch auf seine frühe Prägung im einstigen Arbeiter- und Bauernstaat. Schränke voll mit russischer und sowjetischer Literatur über Kunst und Geschichte in seinem Atelier zeigen, wie groß dieser Einfluss sein ganzes Leben hindurch war.

 

Mit dem Scheitern der sozialistischen Utopie fand die klassische Ausrichtung der Kunst in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ein jähes kapitalistisches Ende. 
Der russische Aktionismus war eine Reaktion auf dieses Scheitern und die damit verbundenen gesellschaftlichen Umwälzungen. Gleichzeitig waren ihre provokanten Performances Ausdruck einer verzweifelten Sehnsucht nach Klassik und einem neuen hohen Stil im Angesicht der kommerziellen Devastierung einer ganzen Gesellschaft. Nur in diesem Kontext sind Aktionen wie Alexander Breners Übermalung eines Gemäldes von Kasimir Malewitsch mit einem Dollarzeichen, der Kitchen-Suprematism der Blue Noses Group oder die Verwandlung des Künstlers Oleg Kulig in einen Hund verständlich und nachvollziehbar.

 

Ich zog in den 2000er Jahren in die kulturelle Wüste nach Sibirien und suchte dort einen künstlerischen Nullpunkt, ein neues Tahiti. Joannis Avramidis ging zurück in die griechische Antike. Beides sind romantische Reisen auf der Suche nach einer neuen Weltkunst. 

 

"Reise nach Brobdingnag" nach Jonathan Swifts Gullivers Reise ins Land der Riesen nannte Anatoli Osmolowski seine Performance, bei der er 1993 auf die Schultern des gigantischen Majakowski-Denkmals in Moskau kletterte. 1993 war eine Zeit des völligen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruchs in Russland. Oben angekommen, zitierte er, mit fetter Zigarre in der Hand, Isaac Newton: "If I have seen further, it is by standing on the shoulders of giants.“

 

Joannis Avramidis verstand sein Werk zutiefst demokratisch. Er wollte in der Erkundung allgemein gültiger Formen eine humanistische Universalkunst schaffen. Humanismus und Demokratie sind heute weltweit auf dem Rückzug. 

 

Joannis Avramidis’ architektonische Monumentalplastiken wurden nie verwirklicht. Umso mehr macht es Sinn, weiter zu arbeiten. 
Es ist das einzige, was wir können.

 

Ich versuchte eine Annäherung als Maler. 
Eine Annäherung als Maler an einen Bildhauer.

 

Painting Sculptures.

 

Lukas Pusch
Wien, 2021

 


Eine Mappe mit Fotos dieser Annäherung ist in Arbeit.
Eine erste Auswahl der in Zusammenarbeit mit dem Fotokünstler Oskar Schmidt entstandenen Werke wird ab 12. November im Pavillon am Milchhof in Berlin präsentiert.